Smart Contracts: Was sie sind, wie sie funktionieren und welche steuerrechtlichen Fragen offen sind

Smart Contracts zählen zu den zentralen technologischen Innovationen der Blockchain-Ökosysteme. Sie ermöglichen es, Vereinbarungen zwischen Parteien automatisch, transparent und ohne klassische Intermediäre auszuführen. Während die Technologie bereits in zahlreichen Anwendungen - von DeFi über NFTs bis hin zu Lieferketten - eine wichtige Rolle spielt, sind die steuerrechtlichen Folgen der Nutzung von Smart Contracts weiterhin nicht vollständig geklärt.

Was sind Smart Contracts?

Smart Contracts sind selbstausführende Programme, die auf einer Blockchain gespeichert werden und bei Eintritt bestimmter Bedingungen automatisch Aktionen auslösen. Sie bilden nicht zwingend einen zivilrechtlichen Vertrag im klassischen Sinne ab, sondern dienen häufig als technische Umsetzung bestimmter Abläufe.

Typische Eigenschaften von Smart Contracts sind:

  • Automatisierung von Transaktionen ohne menschliches Eingreifen
  • Unveränderbarkeit, da der Code nach Deployment auf der Blockchain fixiert ist
  • Transparenz, da der Code von allen Netzwerkteilnehmern einsehbar ist
  • Dezentralität, da Ausführung und Validierung durch das Netzwerk erfolgen

Smart Contracts kommen in verschiedensten Bereichen zum Einsatz, etwa im DeFi-Sektor (Lending, Borrowing, Swaps), bei NFT-Marktplätzen, bei DAO-Strukturen oder im Supply-Chain-Management.

Wie funktionieren Smart Contracts technisch?

Die Funktionsweise eines Smart Contracts lässt sich in drei grundlegende Schritte unterteilen:

1. Code-Entwicklung und Deployment

Ein Smart Contract wird in einer blockchain-spezifischen Programmiersprache geschrieben, z. B. Solidity (Ethereum) oder Rust (Solana). Anschließend wird der Code auf die Blockchain hochgeladen, wodurch der Contract eine eigene Adresse erhält.

2. Auslösung durch Transaktionen

Smart Contracts werden durch Transaktionen oder Nachrichten (Calls) aktiviert. Sobald die im Contract definierten Bedingungen erfüllt sind, führt die Blockchain den entsprechenden Code aus - beispielsweise die Übertragung von Tokens oder die Anpassung eines Kontostands.

3. Validierung und Speicherung

Alle Netzwerkknoten prüfen die Ausführung nach definierten Konsensregeln. Das Ergebnis wird dann unveränderlich in der Blockchain gespeichert. Dadurch entsteht ein hohes Maß an Nachvollziehbarkeit und Integrität.

Smart Contracts handeln somit nicht „intelligent“ im eigentlichen Sinne, sondern deterministisch anhand des einprogrammierten Codes.

Anwendungsbeispiele in der Praxis

Smart Contracts sind ein integraler Bestandteil zahlreicher Web3-Anwendungen. Zu den häufigsten Einsatzfeldern gehören:

  • Dezentrale Finanzprotokolle (DeFi)
    Automatisierte Kreditvergabe, Liquiditätsbereitstellung, Derivate, dezentrale Börsen (DEX).
  • Nicht-fungible Token (NFTs)
    Verwaltung von Eigentumsrechten, Royalties für Künstler, Handel ohne zentrale Plattform.
  • DAOs (Decentralized Autonomous Organizations)
    Organisationen, deren Governance-Mechanismen vollständig durch Smart Contracts gesteuert werden.
  • Tokenisierte Vermögenswerte
    Ausgabe, Übertragung und Verwaltung digitaler Wertpapiere oder Utility-Token.

Steuerrechtliche Aspekte von Smart Contracts

Mit dem technologischen Fortschritt gehen zahlreiche steuerrechtliche Unsicherheiten einher. Die bestehende Gesetzeslage und das aktuelle BMF-Schreiben vom 06.03.2025 stellen zwar Grundsätze für die Besteuerung von Kryptotransaktionen auf, doch Smart Contracts werfen zusätzliche Fragen auf, die bisher nicht umfassend geregelt sind.

1. Steuerliche Zurechnung von Transaktionen

Da Smart Contracts autonom agieren, stellt sich die Frage, wem die durch den Contract ausgelösten Transaktionen steuerlich zuzurechnen sind.
Unklar ist insbesondere:

  • Wie erfolgt die Zurechnung bei DAOs ohne klare Mitgliederstruktur?
  • Wie ist die Zurechnung bei vollautomatisierten DeFi-Protokollen vorzunehmen?
  • Welche Rolle spielt die wirtschaftliche Verfügungsmacht in Algorithmus-gesteuerten Abläufen?

Das BMF betont zwar die wirtschaftliche Zurechnung, doch Smart Contracts operieren teils ohne identifizierbare Gegenpartei, was neue Herausforderungen schafft.

2. Ertragsteuerliche Behandlung automatisierter Vorgänge

Einige Vorgänge, die durch Smart Contracts ausgelöst werden, besitzen steuerliche Relevanz, z. B.:

  • Erträge aus Liquidity Mining
  • Swap-Prozesse in DEX-Protokollen
  • Automatisierte Staking- oder Lending-Vorgänge
  • Liquidationen und Gebührenmechanismen

Hier fehlt teilweise die klare Zuordnung der einzelnen Transaktionsschritte innerhalb des steuerlichen Systems (Anschaffung, Veräußerung, sonstige Leistung etc.).

3. Gewerblichkeit bei algorithmischen Aktivitäten

Smart-Contract-basierte Strategien können hochfrequente, vollautomatisierte Handelsprozesse beinhalten.
Es stellt sich die Frage, ob:

  • algorithmisches, dauerhaftes und systematisches Handeln
  • unter Einsatz automatisierter Protokolle
  • mit Gewinnerzielungsabsicht

möglicherweise eine gewerbliche Tätigkeit im Sinne des § 15 EStG begründet.

Bislang existiert weder im Gesetz noch in der Rechtsprechung eine klare Antwort für Smart-Contract-basierte Tätigkeiten.

4. Dokumentations- und Aufzeichnungspflichten

Smart Contracts erzeugen oft komplexe Transaktionsketten. Für Steuerpflichtige ist fraglich:

  • Welche Daten sind aufzuzeichnen?
  • Reicht die Blockchain-Transaktionshistorie aus?
  • Wie sind interne Contract-Interaktionen steuerlich zu interpretieren?

Das BMF lässt hier bewusst Spielraum und verpflichtet Steuerpflichtige zu einer vollständigen, nachvollziehbaren und zeitnahen Dokumentation, ohne jedoch methodische Standards festzulegen.

Fazit: Smart Contracts bieten enormes Potenzial - aber steuerliche Fragen bleiben offen

Smart Contracts revolutionieren die Art und Weise, wie digitale Prozesse abgewickelt werden. Ihre technische Funktionsweise ermöglicht ein Höchstmaß an Effizienz, Transparenz und Automatisierung. In zahlreichen Bereichen, von DeFi über NFTs bis zu tokenisierten Vermögenswerten, sind sie bereits heute unverzichtbar.

Steuerrechtlich bleibt jedoch vieles ungeklärt. Insbesondere die Themen Zurechnung, Ertragsteuerklassifikation, Gewerblichkeit und Dokumentationspflichten erfordern weitere Konkretisierung durch Gesetzgeber, Verwaltung und Rechtsprechung.

Solange diese Fragen nicht abschließend geregelt sind, müssen Steuerpflichtige - ebenso wie Steuerberater - die bestehenden Grundsätze kreativ, aber konsistent auf die Besonderheiten von Smart Contracts übertragen.

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